Fastnachtssitzung 2008

"Lebensgefährte kommt von Lebensgefahr"
Bei den Hochstädter Humoristen steigt die karnevalistische Stimmung schnell auf den Siedepunkt
- Junge Aktive begeistern im närrischen HMV-Bau -

 

Innerhalb von nicht einmal 50 Stunden boten die Aktiven des Humor-Musik-Vereins "Edelweiß" im Bürgerhaus Hochstadt gleich dreimal ihr tolles närrisches Programm, das beim Publikum auf große Begeisterung stieß. Bei der Sitzung am Samstagabend herrschte schnell eine großartige Stimmung und bestachen die Darbietungen der Humoristen durch Witz, wunderbare Choreographien und fetzige Musik. Zu den Höhepunkten zählten der Auftritt von Nina und Colin Stein mit "Zurück aus der Zukunft", das gesungene und getanzte Zwiegespräch zwischen Pia Jost und Silvia Koffler über das ewige Thema "Männer und Frauen", Hendrik Lippas ungewöhnlicher Solotanz zu "YMCA" und das Männergruppenstück, das Harry Potter nach Hochstadt verlegte. Sitzungspräsident Thorsten Heide führte pointiert und charmant durch den Abend, ließ sich selbst von stimmlichen Problemen nicht aus der Ruhe bringen und meisterte seinen Part souverän.

2007 feierten die Humoristen bekanntlich ihren närrischen 111. Geburtstag. Auf ihren Lorbeeren aus dem Jubiläumsjahr haben sich die Aktiven des HMV aber keinesfalls ausgeruht, sondern setzten bei ihren Sitzungen am vergangenen Wochenende noch einen drauf. Da jagte eine starke Darbietung die nächste und stand der Narren-Bau schnell auf dem Kopf. Der Verein hat in den vergangenen Jahren stark auf junge und unverbrauchte Aktive gesetzt, kann dafür jetzt den verdienten Erfolg ernten. Die Wortbeiträge stehen auf hohem Niveau, werden durch die Bank alle gekonnt auf szenische Weise umgesetzt. Statisch ist da nichts, sondern alles im Fluss. Entsprechend vergingen die rund fünf Stunden Programm fast wie im Fluge.

Aber auch die tänzerische Komponente der HMV-Sitzungen kann sich sehen lassen. Die Majorettes zeigten wieder einmal auf überzeugende Art ihr Können - ob mit oder ohne Batons, die natürlich wieder durch die Luft wirbelten. Gleich 50 junge Damen standen beim Gemeinschaftstanz zu Beginn des Abends auf der Bühne. Sechs verschiedene Formationen gibt es nämlich, die von den süß anzusehenden Kleinsten, den Mini-Majorettes (Trainerinnen: Carolin Misiewicz, Christine Misiewicz, Gisela Jeske und Miriam Lutz) und den Midi-Majorettes (trainiert von Britta Rosbach, Steffi Oestreich, Susi Meyer und Rosita Greene), bis zur Majorettes-Showtanzgruppe reichen. Die großen Majorettes, die sich übrigens selbst trainieren, begeisterten diesmal mit einem spritzig-dynamischen Vortrag zur Musik aus dem Box-Film "Rocky", zu welcher die jungen Damen wunderbar synchron tanzten und durch ihre Ausdrucksstärke in den Bann zogen. Nach der Pause verwandelten sich die grazilen jungen Frauen dann in die "Blues Sisters", die den "Blues Brothers" eindeutig den Rang abliefen und die von der Narrenschar zu Recht mit Bravorufen gefeiert wurden. Wild und flippig ging es bei den Maxi-Majorettes zu, die als "Street Girls" die Bühne des Hochstädter Bürgerhauses unsicher machten. In ihren flippig-pinken Kostümen boten sie eine stimmige Mischung aus Twirling und Showtanz, die ihre Trainerinnen Christine Misiewicz und Susi Meyer ideal choreographiert hatten.

Schön anzusehen waren auch die weiblichen "Matrosen der MS No Limits", die im passenden Outfit über die Bühne tanzten und von ihren Trainerinnen Christine Misiewicz und Susi Meyer ideal einstudiert worden waren. Da machte das Zusehen richtig Spaß und vor allem bei manchem männlichen Besucher dürfte der Gedanken aufgekommen sein, dass es sicher lohnen würde, mit diesen "Matrosen" eine Kreuzfahrt zu machen.

In die Welt von Captain Jack Sparrow versetzte die Gruppe "Golden Girls" die Besucher im HMV-Bau. Auch diese gut aussehenden Damen waren in tolle Kostüme gekleidet, in denen sie behende über die Bühne tanzten und dabei eine ausgesprochen synchrone Darbietung kreierten. Einen tollen Badespaß mit reichlichen Kilos boten die Herren des HMV-Männerballetts, die übrigens von einem Mann gecoacht werden, nämlich von Klaus Hahn.

Es war sein Solodebüt, aber davon war nichts zu spüren. Johannes Matthias nahm die manchmal doch sehr hysterischen Diskussionen über den Klimawandel gekonnt und am Ende sogar gesanglich auf die Schippe, wobei er sich auf der Gitarre selbst begleitete. Mit seinem Trabi und in Badelatschen fuhr er durch die Republik, um den Slogan zu verkünden: "Kohlendioxid ist für alle da!" Authentisch machte er bei seiner verbalen Tour durch das schöne Deutschland Franz Beckenbauer nach und nahm auch die Firma Höhl aufs Korn, die durch den Klimawandel nun angehalten sei, Mais- statt Apfelwein zu produzieren. Da blieb kaum ein Auge trocken, denn der Schlacks Johannes Matthias unterstrich seinen köstlichen Vortrag noch durch die dazu passende Mimik. Es war eine Premiere, die nur eines auslöste - nämlich Begeisterung.

Dass es in einem Vier-Sterne-Hotel nicht immer Qualität für die Gäste gibt, bewiesen die Damen vom Frauengruppenstück. Auch sie feierten ihr Debüt und boten ein würdiges Pendant zu den Herren vom Männergruppenstück, die nach der Pause den Saal zum Toben brachten. Bettina Eibelshäuser, Bettina van der Stap, Christine Rothaut, Gabriele Huhn, Gisela Jeske, Martina Puth, Monika Göpfert, Natalie Oestreich, Simone Rülke und Rosita Greene ließen dabei die alte Tradition des HMV wieder aufleben, dass bei den Humoristen sehr wohl auch weiblicher Wort- und Spielwitz zu Hause sind. Das Romantik-Hotel "Zur Hochstädter Hartig" entpuppt sich bei ihnen jedenfalls einzig als schöne Fassade, hinter der sich kein Service befindet. Besonders hervorgehoben werden muss bei dieser Nummer Gisela Jeske, die als "Mädchen für alles" eine tolle Leistung bot. Sie war Fitnesstrainerin, Kofferträgerin, Kinderbetreuung, Putzfrau und Animierdame in einem. Das muss ihr mal jemand nachmachen.

Lange ist es her, dass Nina und Colin Stein gemeinsam auf der HMV-Bühne standen. Damals traten sie noch mit ihrem Vater, der Humoristen-Ikone Helmut Stein auf. Nun aber bewies das sympathische Geschwisterpaar, dass es mühelos einen ganzen Saal mitreißen kann. Auf köstliche Weise adaptieren sie den Film-Klassiker "Zurück in die Zukunft". Bei ihnen ging es nun "Zurück aus der Zukunft" und zwar aus dem Jahr 2058 zurück in das vergangene Jahr 2007. Dabei spielte das Maintaler Lokalgeschehen selbstverständlich eine ganz wichtige Rolle. Ein Wegweiser zeigte den Reisenden die Richtung nach Hochstadt, Maintal und in die Welt. Und in dieser ist 2007 einiges passiert, was sie staunend zur Kenntnis nahmen, als sie eine Tagesanzeiger-Ausgabe studierten. Ausgesprochen pointiert und mit einem gerüttelt Maß an Sprachwitz spießten Nina und Colin Stein das Rauchverbot ("Vier Wochen rauchfrei und dann ist man Millionär"), die Bebauung auf dem Höhlgelände ("Johannas Pump") oder die am Samstag noch bevorstehende Landtagswahl ("Zu viel Koch verdirbt den Brei") auf. Die Zeitmaschine sollte das Stein-Duo auch in der Kampagne 2008/09 wieder gemeinsam auf der Bühne des HMV absetzen.

Es ist wohl das Thema im Karneval, aber irgendwie natürlich auch im richtigen Leben. Was ich meine? Na, das (Miss-)Verhältnis zwischen Frauen und Männern natürlich. Oft allerdings wird es doch arg abgedroschen auf die närrischen Bretter gebracht - da ist vieles voraussehbar und hat den bekannten langen Bart. Doch was Pia Jost und Silvia Koffler bei den Humoristen boten, war von einem ganz anderen Kaliber. Nachdem die beiden Hochstädterinnen im vergangenen Jahr eine Pause eingelegt hatten, präsentierten sie sich nun in grandioser Form und so lag die Narrenschar wirklich vor Lachen unter den Tischen. Es war einfach super, auf welch' tolle tänzerische und vokale Art und Weise die beiden Damen das "ewige Thema" in Szene setzten. Synchron brachten sie so auf verschiedenen Ebenen die doch exorbitanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen zum Vorschein. Das weibliche Geschlecht ist eben tatsächlich "Multi-Tasking-Fähig", bringt nicht nur Job, Haushalt, Kinder- und Männer-Betreuung unter einen Hut. Und nun wissen wir auch, warum manche Menschen ihre Partnerin oder ihren Partner als Lebensgefährtin beziehungsweise Lebensgefährte bezeichnen. Denn dieses Wort stammt unwiderruflich von Lebensgefahr ab! Und Silvia wollte ihrer Freundin Pia doch glatt in gesungener Form weismachen, dass sie nur noch auf Mail-Verkehr stehe. Da bog sich auch der letzte Zuschauer im Saal vor Lachen. So können wir nur hoffen, dass dieses Duo im kommenden Jahr nicht erneut eine Pause macht, sondern es 2009 beim HMV wieder heißt: "Sie tun's wieder!"

Direkt nach diesem Höhepunkt ging es aber auf jenem Niveau weiter. Hendrik Lippa stellte unter Beweis, dass ein Mann allein einen umwerfenden Gemeinschaftstanz kredenzen kann, an dem fünf Personen teilhaben. Wie das geht? Er schnallte sich Stangen um, an denen er vier Puppen band und mit welchen er dann auf grandiose Weise zu den Klängen von "YMCA" über die Bühne tanzte, dass es eine helle Freude war.

Was eine Sponsorin in unserer Welt alles bewegen kann, strich Petra Arnhofer bei ihrem gelungenen Vortrag heraus. Sie verfuhr dabei nach dem Motto: "Was kostet die Welt? - Die Sponsorin zahlt alles!" Das führt sogar soweit, dass nun die Love-Parade in Derngem in Szene geht und das Moulin-Rouge in der Maintal-Halle tanzt. Wortgewandt und voller Esprit wandelte sie auf den Spuren der Geldgeber und mancher im Saal hätte sich sicher solch eine persönliche Sponsorin gewünscht. "Mitten aus dem Leben gegriffen" waren schließlich Wilfried Eibelshäusers Schilderungen über den Alltag, bei denen seine bessere Hälfte gar nicht gut wegkam. Aber anschließend hieß es natürlich auch bei ihr: "Schwamm drüber".

Wie immer hatte Wilfried Eibelshäuser noch einen zweiten Auftritt und zwar an der Seite von Klaus Hahn. Als "Eibelinos" stehen sie schon seit 26 Jahren auf der Bühne und ihr Song "Heut' ist Karneval im Bürgerhaus von Hochstadt" ist aus den Sitzungen des HMV längst nicht mehr wegzudenken. Die passenden Stimmungslieder hatten selbstredend auch die "Humorias" dabei. Und dies - wie immer - gleich zweimal.  Vor der Pause mit einem Medley aus bekannten Liedern von Udo Jürgens, wobei "Ich war noch niemals in New York" erwartungsgemäß den Vogel abschoss.

Am Schluss, bevor die "Lärmbelustigung" dem Publikum dezibelstark einheizte, waren die Damen und drei Herren der "Humorias" noch mit Songs aus dem Queen-Musical "We will rock you" zu erleben, die ihre Wirkungen nicht verfehlten. Zu Beginn der Sitzung hatte übrigens Herbert Oestreich, ebenfalls Mitglied der "Humorias", die Narrenschar stimmungsmäßig auf den Abend eingestimmt. Das Männergruppenstück ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer jeden HMV-Sitzung. Und deshalb gebührt ihm, obwohl es am Samstag nicht der letzte Programmpunkt war, die Ehre, diesen närrischen Bericht abzuschließen.

Die 13 Herren entführten die Zuschauer in die erfundene achte Folge von "Harry Potter", die selbstverständlich in Hochstadt spielt. Völlig furchtlos besteht Harry (cool gespielt von Dennis Götz) hier ebenso alle Abenteuer, wenngleich sich Ron (toll: Peter Heckert) fast in die Hosen macht. Nicht zu toppen jedoch war Colin Stein, der Hermine als erotische Französin mit Strapsen auf die Bühne brachte und dem man die Verwandlung in eine junge Frau wirklich abnahm. Ein Komödiant, wie er im Buche steht und der mit dafür verantwortlich ist, dass noch lange ausgesprochen positiv über den HMV gesprochen werden wird. Und das nicht nur in Hochstadt - versprochen!

Text von Lars-Erik Gerth --- Fotos von Kalle Meyer