Fastnachtssitzung 2009

Ein Maintaler Obama als Bürgermeister
Ausgelassene Stimmung bei den Hochstädter Humoristen – Vor allem junge Aktive begeistern

 

Fünf Stunden beste Unterhaltung boten die Aktiven des Humor-Musik-Vereins „Edelweiß“ am Samstagabend in der ersten Sitzung der neuen Kampagne. Das närrische Programm begeisterte den voll besetzten Saal im Bürgerhaus Hochstadt. Mit Witz, tollen Choreographien und mitreißender Musik überzeugten sie die Zuschauer auf ein Neues, die mit großen Erwartungen an das hohe Niveau der Beiträge der Humoristen gekommen waren. Vor allem die Darbietungen der jungen Aktiven wie Colin Stein, Frank Walzer und Johannes Matthias überzeugten mit Originalität und lokalen Spitzen.

Zu den Höhepunkten gehörte zudem der Auftritt von Hendrik Lippa als Ein-Mann-Gruppe und das Männergruppenstück „Eiscafé auf der Hauptstraße“. Sitzungspräsident Thorsten Heide führte gewohnt charmant durch den Abend. Die tänzerische Komponente der HMV-Sitzungen kann sich ebenfalls sehen lassen. Die Majorettes zeigten wieder einmal sehr überzeugend ihr Können – mit und ohne Batons. Den Abend eröffnete der Gemeinschaftstanz der insgesamt 50 Majorettes zu einem Abba-Medley. Sechs verschiedene Formationen gibt es mittlerweile – von Mini, Midi, Maxi bis zu den großen Majorettes. Letztere sorgten vor allem bei den männlichen Zuschauern für Begeisterungsstürme, hervorgerufen durch ihr sexy Outfit und der tollen Darbietung zu Robbie Williams' „Let me entertain you“ – ein Augenschmaus für die Narrenschar. Gute Unterhaltung boten die großen Majorettes auch mit ihrem Showtanz „Africa“ im zweiten Teil des Abends. Zu heißen Rhythmen vom schwarzen Kontinent boten die jungen Frauen akrobatische Höchstleistungen, für die sie verdienten Beifall erhielten.

Bollywood“ in Hochstadt

Flippig ging es beim „Streetdance“ der Maxi-Majorettes zu, bei dem sie eine stimmige Mischung aus Twirling und Showtanz zeigten. „Manege frei“ hieß es für die Gruppe „No Limits“, die das Publikum zauberhaft in die Welt des Zirkus lockte. Gekonnt setzten die zwölf Mädchen das Thema um und verbreiteten eine regelrecht magische Stimmung im Saal. Nach Indien versetzte die Gruppe „Golden Girls“ die Besucher im HMV-Bau. Mit ihrem Schleiertanz und gekonnten Hüftschwüngen erinnerten die sieben Damen an die aufwändigen Tanzproduktionen aus „Bollywood“. In ihren tollen Kostümen waren sie wunderschön anzuschauen. Das HMV-Männerballett bestach wieder einmal durch ein Minus an Bewegung und ein Plus an Originalität, wie sie für sich selbst werben. Zum Thema „Mexico“ hatten die Gauchos und „Senoritas“ die Lacher garantiert auf ihrer Seite. Es ist übrigens das einzige Maintaler Männerballett ohne weibliche Trainerin, es wird von Klaus Hahn und Luis Cercas gecoacht.

Den Reigen der überzeugenden Wortbeiträge eröffnete Petra Arnhofer als „Das letzte lebende Sparschwein“. Mit Strickjacke, Pantoffeln und Rollator mimte sie eine Dame älteren Semesters, die aus ihrem Leben in einer Seniorenresidenz berichtete – quasi ein „Big Brother für Alte“. Sie hatte Verbesserungsvorschläge für Autobauer parat: „Statt der Freisprechanlage lieber eine Sauerstoffflasche einbauen“ und Lebensweisheiten für Senioren zur Hand: „One-Night-Stands sind nicht die Wucht, weil man hinterher die Prothese sucht“. Wenig später folgte ein großes Nachwuchstalent der Humoristen: Colin Stein. Während er im vergangenen Jahr gemeinsam mit seiner Schwester Nina pointiert auf die Ereignisse des Jahres 2007 zurückgeblickt hatte, berichtete er in diesem Jahr als Fips, die Fledermaus, über wilde Gerüchte, die zu seinen empfindlichen Ohren gedrungen seien. Niedlich anzuschauen war sie, die Fledermaus. Doch Vorsicht, das scheinbar niedliche Tierchen hat eine spitze Zungen. So plauderte Fips munter aus der Gerüchteküche: Bürgermeister Erhard Rohrbach sei unter die somalischen Piraten gegangen, um die klammen Stadtfinanzen aufzubessern. Das wildeste Gerücht derzeit: Die Maintaler SPD soll tatsächlich eine Kandidatin für die Bürgermeisterwahl aufgestellt haben. Ob sich das wohl als Zeitungsente erweist? Fips steht den Hochstädter Bürgern immer mit Rat und Tat zur Seite. Mehrere Feste in Maintal fallen aus, doch der Hochstädter Weihnachtsmarkt ist ein Hit. Sein Vorschlag: Ein Sommer-Weihnachtsmarkt, bei dem Nikolaus Klaus Karau in kurzen Hosen antritt. Weiter so, Colin Stein, es macht Spaß zuzuhören.

Zum zweiten Mal als „Straßenmusikant“ unterwegs war Frank Walzer, der sowohl das lokale Geschehen als auch globale Entwicklungen mit Hilfe seiner Gitarre auf die Schippe nahm. Gekonnt dichtete er bekannte Schlager um, so entstand aus „Wo sind all die Indianer hin?“ das Lied „Wo sind all die Kandidaten hin?“. Natürlich wieder eine Anspielung auf die späte SPD-Nominierung für die Bürgermeisterwahl im Juli. Die Maintaler seien aber auch wirklich sehr anspruchsvoll, deshalb forderte der Straßenmusikant: „Bitte back uns den Maintaler Obama“. Auf den Grönemeyer-Hit „Was soll das“ reimte Frank Walzer zudem „Womit haben wir das verdient, dass jetzt wieder der Roland gewinnt.“ Eine tolle Persiflage auf die Landtagswahl.

Das Frauengruppenstück nahm in diesem Jahr Quizshows aufs Korn. Im „Familienduell“ trat Familie Flodder gegen Familie Schotter an. Beide Seiten brachten die Moderatorin Bettina Besserwisser jedoch durch ihr Unwissen schier zur Verzweiflung. Auf die Frage „Was kann man aus dem Urlaub mitbringen?“ antwortete Familie Flodder beispielsweise „Tripper“. Zum zweiten Mal bildeten Bettina Eibelshäuser, Bettina van der Stap, Gabi Huhn, Gisela Jeske, Lis Rülke, Monika Göpfert, Rosita Greene und Simone Rülke den Gegenpart zu ihren männlichen Kollegen und bewiesen, dass beim HMV auch weiblicher Spielwitz zu Hause ist. Kurz vor der Pause bewies Hendrik Lippa erneut, dass man auch „Alleine als Gruppe“ auftreten kann. Der Bastler schnallte sich eine Stange um, an der vier Puppen hingen, die er über Schnüre tanzen lassen konnte. Der „Puppenspieler“ legte als „Boney M.“ eine heiße Sohle aufs Parkett und erntete große Bewunderung, einerseits für seine Bastlerfertigkeiten andererseits für die schlichtweg geniale Performance.

Im zweiten Teil der Sitzung beleuchteten auf komische Weise in „Die Eine und die Andere“ Pia Jost und Silvia Koffler das ewige Thema: Das Verhältnis zwischen Mann-Frau. Sie beschlossen, sich nicht mehr für die Männerwelt zu verbiegen und einfach nur sie selbst zu sein. In gesungener Form heißt das: „Lieber Orangenhaut als gar kein Profil“. Letztendlich kämen die Männer alle zurück, wenn sie sich nicht mehr über Maniküre und Diät unterhalten wollten. Der männliche Teil der Narrenschar gab durch lautstarke Zurufe zu verstehen, dass sie durchaus bereit wären, dem „Singledasein“ dieser beiden Rollen ein Ende zu machen . . . Besonders stark war das Männergruppenstück „Eiscafé auf der Hauptstraße“. Ein Stück, wie es nur das Leben geschrieben haben kann. Drei alte Herren sitzen im Eiscafé und kommentieren das Geschehen um sie herum. Dabei erinnerten sie stark an die zwei Alten aus der Muppetshow. Sie beobachten beispielsweise einen misslungenen Heiratsantrag und trösten anschließend den Bräutigam in spe. „Wir wollten doch auf dem Höhl-Gelände bauen“, bedauert dieser. „Da hat er ja doppelt Glück gehabt“, sagen die Alten. Drei Herren vom Bauhof bringen anschließend einen Holzbalken. „Die arbeiten ja, dabei haben wir erst Dienstag“, so die drei Herren. Die Bauarbeiter sollen einen Holzweg verlegen, Lance Armstrong hat sich für den Iron-Man angemeldet. Schließlich tauchten noch Bedienstete der Stadt auf, um ihre Mittagspause im Eiscafé zu verbringen. Sie bedauerten lautstark, dass durch die Absage diverser Feste in Maintal ihr Arbeitsplatz gefährdet sei. „Schließlich stellen wir die ganzen Parkverbotsschilder auf.“ Alle passten ganz genau in ihre Rollen, nicht zu toppen war jedoch wieder einmal Colin Stein als leichtbekleidete Serviererin.

Von Beverly Hills nach Wachenbuchen

Anschließend plauderte Gisela Jeske als Ex-Playmate aus ihrem Jetset-Leben in den Staaten. Damit sei es aber nun endgültig vorbei – seit kurzem lebe sie in Wachenbuchen. Das bekannte Gesicht der Kabarettgruppe „Mikrokosmos“ zeigte damit eine weitere Facette ihres Könnens. Nachwuchs-Talent Johannes Matthias, der im vergangenen Jahr sein Solodebüt gegeben hatte, präsentierte sich diesmal als wahres Chamäleon. Mit seiner Nummer „Reich an Kriti(c)k(i)“ persiflierte er Marcel Reich-Ranickis Fernsehkritik. Dabei befragte er zahlreiche Prominente, in deren Rollen er schlüpfte. Johannes Matthias als Bruce Darnell, der ein Modelädchen in Hochstadt besucht – diese Vorstellung nimmt man dem hochgewachsenen jungen Mann wirklich ab. Zum verwechseln ähnlich imitierte er auch Super-Nanny Katja Saalfrank, Fußballstar Lothar Matthäus und den Comedian Mario Barth. Bei Johannes Matthias verschmelzen die Grenzen zwischen Karneval und Kleinkunst – ein wirklich gelungener Auftritt.

Schließlich war es Zeit für Wilfried Eibelshäusers Schilderungen über den Alltag, bei denen seine bessere Hälfte wieder mal gar nicht gut wegkam. Bei ihm folgten Pointe auf Pointe. Sei es, weil er sich als Senior noch das Ja-Wort geben wollte und einen Hochzeitstisch im Sanitätshaus bestellte oder aus gesundheitlichen Gründen künftig mittwochs auf seinen regelmäßigen Sex verzichten soll – „das macht nichts, da war ich eh allein“. „Alles zu seiner Zeit“ war nicht nur der Name seines aktuellen Programms, sondern vielleicht auch für sich selbst gemeint. Nach fünf Jahrzehnten aktiver Humorist zog sich Eibelshäuser aus dem Sitzungskarneval zurück und nahm am Wochenende einen letzten Schluck aus dem HMV-Pokal. Sein Trinkspruch: „Auf meinem Grabstein soll stehen: Der Mann verstand zu leben, er muss ein Humorist gewesen sein.“ Für sein „Lebenswerk“ erhielt er stehende Ovationen.

Wie immer hatte Wilfried Eibelshäuser aber noch einen zweiten Auftritt und zwar an der Seite von Klaus Hahn. Als „Eibelinos“ stehen die Urgesteine der Humoristen schon seit 27 Jahren gemeinsam auf der Bühne. Ihr Lied „Heut' ist Karneval im Bürgerhaus in Hochstadt“ ist eine Art Titelsong der HMV-Sitzungen. Bleibt zu hoffen, dass dieser Hochstädter Schlager auch nach dem Rückzug von „Mister HMV“ zu hören sein wird. Die passenden Stimmungslieder hatten natürlich auch die „Humorias“ dabei. Und dies – wie immer – gleich zweimal. Vor der Pause ließ die Gruppe mit „Mama Loo“ und „Kansas City“ die 70er-Jahre-Hits der Les Humphries Singers aufleben. Passend zum Thema waren auch ihre farbenfrohen Kostüme als Hippies und Blumenmädchen. Blondschopf Björn Misiewicz, der neue Zugpräsident des Karnevalszug-Vereins Maintal, war in seinem Afro-Look beispielsweise kaum wiederzuerkennen.

Im zweiten Showteil brillierten die acht Damen und vier Herren in feschen Dirndln und Lederhosen mit einem gesanglichen Ausflug nach Bayern. Mit „Die lustigen Holzhackerbuam“ und „Schützenliesl“ animierten sie das Publikum zum Mitsingen und -klatschen. Für stilechte Alpenjodler hatte die Gruppe unter der Leitung von Isabella sich sogar extra mit einem Jodelkurs weitergebildet. Zu Beginn der Sitzung stimmte übrigens Herbert Oestreich, ebenfalls Mitglied der „Humorias“, die Narrenschar stimmungsmäßig auf den Abend ein. Für den dezibelstarken Abschluss des Abends sorgte wieder die „Lärmbelästigung“. In roten Drachenkostümen heizten die 25 „Lärmer“ mit ihrer Guggenmusik dem Saal kurz vor 1 Uhr noch einmal richtig ein.

Text von Mirjam Fritzsche +++ Fotos von Kalle Meyer