Fastnachtssitzung 2012

Beim HMV tanzen nicht nur die Muppets

Humoristen brennen ein karnevalistisches Feuerwerk mit vielen Seitenhieben auf die Kommunalpolitik

 

Mit einer gelungenen Mischung aus geschliffenen Wortbeiträgen, gut choreographierten Tänzen, fetzigen Stimmungsliedern und der dezibelstarken Guggenmusik der „Hochstädter Lärmbelustigung“ ist der HMV am Samstagabend im voll besetzten Hochstädter Bürgerhaus in seine närrischen Sitzungen gestartet. Das Publikum ging bereits schnell begeistert mit und sparte auch nicht an stehenden Ovationen. Wie gewohnt nahmen die HMV-Aktiven die heimische Politik gekonnt auf die Schippe. Frank Walzer als „Grieche“ und der „kleine Glücksbringer“ Colin Stein schossen sich mit viel Wortwitz auf die Spar- und Steuererhöhungspolitik der Stadt, das Leitbild-Projekt oder die Spaltung der Maintaler Grünen ein.

„Heut‘  ist Karneval im Bürgerhaus in Hochstadt" erklang es um kurz nach 20 Uhr: Klaus Hahn zog mit dem bekannten HMV-Song durch den Saal in Richtung Bühne und erklärte somit den Sitzungsreigen der Humoristen für eröffnet. Dieser liebgewonnenen Tradition folgte gleich die nächste, denn nun präsentierten sich sämtliche Majorettesgruppen des Vereins, von den süßen Kleinen bis zu den großen „No Limits“. Die tänzerischen Gruppen des HMV boten einen stimmigen Gemeinschafstanz, bei dem die Batons unter anderem zu Walzerklängen und Sequenzen aus Georges Bizets Oper „Carmen“ durch die Luft wirbelten.

Die Majorettes-Formationen hatten wieder eine Reihe von gut choreographierten Darbietungen erarbeitet, die bei den Besuchern bestens ankamen. Die „No Limits“-Formation der Majorettes, die 16 junge Damen zwischen 15 und 22 Jahren umfasst und von Susi Meyer und Christine Misiewicz trainiert wird, erfreute im ersten Teil des Abends mit einem feurigem Tanz zu südamerikanischen Rhythmen. Auf überzeugende Weise brachte die Formation so heißes Tangoflair nach Hochstadt, während es vor der Tür unter minus zehn Grad kalt war. Nach der Pause begeisterten die „No Limits“ dann mit einem sehr dynamischen Show-Tanz zu der pulsierenden Musik aus „Sister Act“. Dabei bestachen auch die tollen Kostüme der Tänzerinnen. Diese – wie auch die gesamte Ausstattung – waren erneut in Eigenregie erarbeitet worden. Der souveräne Sitzungspräsident Thorsten Heide vergaß es deshalb auch nicht, allen Beteiligten herzlich zu danken, die hinter den Kulissen zum Gelingen der Sitzungen beitragen.

Als farbenfroh und ausdrucksvoll kann der Tanz der Maxi-Majorettes bezeichnet werden. Der tanzende Nachwuchs wird ebenfalls von Susi Meyer und Christine Misiewicz trainiert und erfreute durch seine gekonnt gebotenen Darbietung, die unter dem Motto „Schoolgirls“ stand. Diese Schulmädchen sitzen aber keineswegs brav auf ihren Stühlen, sondern sorgen für eine fetzige und abwechslungsreiche Choreographie, für die sie zu Recht viel Applaus erhielten.

Als fesche „tanzende Zimmermädchen“ entfachten die „Golden Girls“ prächtige Stimmung im Narrenbau. Die acht Damen sorgten nicht nur für eine saubere Bühne, sondern bestachen durch ihren tänzerischen Ausdruck, eine bemerkenswert synchrone Choreographie, viel Charme und Witz. Dies alles packten sie in einen Tanz, der das Publikum merklich faszinierte und begeisterte.

Einen Abstecher zu Peter Pan und Captain Hook unternahmen die zwölf Damen der Showtanzgruppe „Greenrhythm“, die dabei von Alexandre dos Santos (Peter Pan) und Johannes Matthias (Hook) unterstützt wurden. Neben der lebendigen und abwechslungsreichen tänzerischen Umsetzung der Geschichte von „Willkommen im Nimmerland“ waren auch bei diesem Tanz die Kostüme, aber ebenso die gelungenen Hintergrundvorhänge wahre Blickfänger. Selbst ein Sturz bei einer Hebefigur, der auf das glatte Parkett zurückzuführen war, konnte der Gruppe nicht anhaben, tanzte die gestürzten Tänzerinnen doch tapfer weiter. Dies verdient zweifellos einen besonderen Applaus.

Den Reigen der getanzten Programmpunkte schloss das Männerballett ab, das diesmal für gruselige Moment sorgte, denn die Mannsbilder kamen als Untote, Skelette und Totengräber durch den Saal auf die Bühne,  und demonstrierten, was einem um „Mitternacht in Hochstadt“ erwartet. Luis Cercas, der Coach der Truppe, und seine Mitstreiter hatten eine witzig-gruselige Choreographie auf die Beine gestellt, die für verdiente Begeisterungsstürme sorgte. Das riss gerade manche Zuschauerinnen buchstäblich von den Stühlen. Nun weiß man also, dass es besser ist, um „Mitternacht in Hochstadt“ nicht vor die Tür zu treten, selbst wenn es etwas wärmer als derzeit ist…

Seinen Abschied als HMV-Stimmungsmacher gibt in dieser Kampagne Herbert Oestreich. Seit dem Jahr 2000 hatte er mit seinen Songs stets zu Beginn der Sitzungen das Publikum „auf Temperatur“ gebracht. Das gelang ihm auch am Samstagabend – vor allem mit dem „Trömmelsche“, beidem der Funke auf die Besucher übersprang, die begeistert mitsangen und mitklatschten. Außerdem gab er „I sing a Liad für di“ und „In Peru fliegt ‘ne Kuh“ zum Besten.

Herbert Oestreich ist zudem Mitglied der „Humorias“, die traditionell gleich zweimal für ausgelassene Stimmung im Saal sorgen. bei ihrem ersten Auftritt hatten sie ein Country-Medley parat, um dann zum Finale des Abends eine fetzige „Hüttengaudi“ zu entfachen. dabei ging dann so richtig die Post ab, hatte Isabella Isabella ihre zehn Sänger doch ideal vorbereitet, so dass kein Besucher mehr auf seinem Sitz kleben konnte.

In ihre dritte Kampagne geht bereits die Formation „Clautrio“: Claudia Dimter, Claudia Ries und Klaus Hahn sind Garanten für beste und mitreißende Stimmungsmusik, was sie am Samstagabend nachdrücklich mit „Wir feiern bis zum Ende“, „Das wird ‘ne lange Nacht“ und natürlich mit ihrer eigenen Hymne „Wir singen: Hochstadt Helau!“ unter Beweis stellten.

Den Reigen der Wortbeträge eröffneten Sammy Klyn und Nina Reich, welche das Spiel zwischen Zoobesuchern und Tieren einmal umdrehten, sich als „zwei Äffchen“ präsentierten, die deutlich machen, was sie von dem Verhalten der Menschen im Zoo halten. „Die werfen uns ihren Müll ins Gehegen“, müssen sie entrüstet konstatieren und ziehen daraus deutlich Schlüsse: „Irgendetwas wurde denen ins Gehirn geschmiert!“. Am Ende stellte das junge Duo aber mit einem gewissen Schalk im Nacken fest, dass „wir es im Gehege doch sehr bequem und eine ganze Menge zu sehen haben“.

Im besten Wortsinn ein sicherer Wert bei den HMV-Sitzungen ist Petra Arnhofer, die 2012 ihr 35jähriges Jubiläum auf der Bühne feiern kann. Diesmal trat sie als Co-Pilotin auf der Fluglinie „Traumland-Express“ auf und hatte viel zu berichten über manch merkwürdige Begebenheit über den Wolken. So ist sie davon ü überzeugt, dass bei Flugangst und Durchfall zwei Bananen gut helfen würden. Außerdem müssen die Fluggäste beim „Traumland-Express“ den Flieger vor der Landung selbst saubermachen. und dann kam sie noch auf die Idee, dass man doch in der Maintaler „Grünen Mitte“ eine Landebahn bauen könnte, da aus Erhard Rohrbachs Fußballarena ja doch nichts wird…

Starkes Debüt des Nachwuchses

Auf gute Nachwuchsarbeit legt der HMV seit vielen Jahren großen Wert. Das wurde am Samstag wieder deutlich, als das Jugendgruppenstück sein Debüt feiern konnte. Seit Jahren begeistert bei den Humoristen das Männergruppenstück, das Geschichten wie jene von Asterix oder den Schlümpfen auf umwerfende Weise nach Hochstadt verlegte. Der Nachwuchs, der von Nina und Colin Stein kompetent unterstützt wird, zeigte mit „Die Apfelwein-Verschwörung“, dass er in einigen Jahren das Team des „großen Gruppenstücks“ sicherlich wird verstärken können. Der Sprach- und Wortwitz, mit dem die neuen Aktiven zu Werke gingen, war schon bemerkenswert. Besonders die 14jährige Anika Waider als Klaudia Kamera-Kabellos beeindruckte ob ihres sicheren Spiels und ihrer klaren Diktion. Die jungen Frauen und Männer hatten sich eine witzige Geschichte um die Firma Höhl ausgedacht. Dabei wundert sich das Ehepaar Huhn (Sammy Klyn und Noah Schauer) darüber, dass der Apfelweis der bekannten Kelterei Höhl nach Apfelsinen schmeckt. Inspektor nicht (umwerfend ernst: Colin Jeske) und sein französischer Assistent Francois (toll, wie sich Louis Mirabel, ein Austauschschüler aus Frankreich in das Ensemble einfügte) verfolgen erst mehrfach die falsche Fährte, ehe klar wird, dass ein Höhl-Mitarbeiter wegen seiner Apfelallergie die Apfel durch Apfelsinen ersetzt hatte. Mit dabei bei diesem gelungenen Debüt waren: Julien Klyn (Fernsehmoderator), David Sessner und Patrick van der Stap (zwei Höhl-Mitarbeiter) und Christian Leist (Hochstädter Bürger).

Das große Männergruppenstück ließ passend zum neuen Film die Muppets wieder aufleben. Umwerfend dabei vor allem Johannes Matthias als Kermit, der nicht nur mit Miss Piggy (ebenfalls zum Weglachen: Colin Stein) seine Probleme hat, sondern sich auch der sarkastischen Äußerungen von Waldorf (Peter Heckert) und Statler (Stefan Lohr) ausgesetzt sieht. Einen Höhepunkt lieferte vor allem Dennis Götz als Koch Schmalzebröt, der zusammen mit Gonzo (Julien Klyn) Hochstädter „Spezialitäten“ mixt. Dabei wirft er unter anderem ein altes Sakko von EX-Grünem Chef Peter Arendt, viel Konfetti und eine Tagesanzeiger-Ausgabe in den Topf. Einen Gastauftritt hatte dann noch Pop-Legende Elvis (René Kröller), der sich passend zu den Klängen einer Schallplatte, die einmal zu langsam und dann wieder viel zu schnell lief, in Zeitlupe oder im Zeitraffer bewegte. Ergänzt wurde das superbe Ensemble durch Frank Walzer, Fabian Dimter, Andreas Koffler, Hans Heide und Helmut Roog. Im Hintergrund agierten außerdem: Heinz Lohr und Jochen Schell.

Als „Engelchen und Teufelchen“ nahmen Monika Heiser und Monika Göpfert die Männerwelt, aber auch so manchen Promi auf die Schippe. Sie philosophierten vor allem darüber, wer eher den Weg in die oberen und wer in die unteren Regionen, wo es bekanntlich heißer ist, genommen hat. Das Dou hatte im vergangenen Jahr sein Debüt auf der HMV-Bühne gefeiert.

Ein Blick von außen sagt alles

Als politischer Protokoller der besonderen Art ist Frank Walzer seit vielen Jahren ein wichtiger Bestandteil der HMV-Sitzungen.  Diesmal nahm er die Finanz- und Eurokrise zum Anlass, um einmal einen besonderen Blick von außen auf die Maintaler Kommunalpolitik zu werfen. Als „Grieche“ trat er nämlich auf, der sich äußert verwundert darüber zeigt, dass nicht nur in seiner Heimat Chaos herrscht, sondern auch in der Lokalpolitik einer hessischen Stadt zwischen Frankfurt und Hanau. Mit geschliffenem Wortwitz nahm Frank Walzer so das Stadtleitbild-Projekt auf die Schippe: In Maintal grassiert ja geradezu ein Leitbild-Fieber: Zukunft soll hier gemeinsam gestaltet werden. Und dann erschöpft sich die Kreativität, die den Bürgern eingeräumt wird, in Radwegen“. Bürgermeister Erhard Rohrbach unterstellt der „Grieche“ trocken, dass er den Bürgerhaushalt allein aus Eigennutz einführen wolle. „Er sagt sich einfach, ,dann schlagen die Bürger nett mir, sondern sich selbst die Köpp ein‘, wenn überall gespart werden muss.“ Zudem verschwänden alle wichtigen politischen Entscheidungen in Arbeitsgruppen, von denen die Öffentlichkeit nicht mitbekomme. „Das nennen sie dann Transparenz. Erklärt das mal den Griechen!“, rief er unter zahlreichen Lachsalven der Besucher aus. Und schließlich bekamen auch die gespaltenen Maintaler Grünen ihr Fett weg: „Da haben sich jetzt die Naiven von den Eitlen getrennt und nenn sich jetzt GAM. Das ist die Größer Angelegte Meuterei!“. Mit stehenden Ovationen feierte das Publikum diesen starken Auftritt. und dies völlig zu Recht.

Ähnliches galt nach der Pause ebenso für Colin Stein als „ein kleiner Glücksbringer“. Er begann zunächst in der Bundespolitik mit Guttenberg, dessen Fußnoten in der Doktorarbeit sich als „Noten für die Füße“ entpuppt hätten. Nicht gut weg kam erwartungsgemäß auch der Bundespräsident. Dieser hätte keine gute Idee gehabt, als er sich mit „Deutschlands Bibel“ anlegte. Damit meinte Colin stein natürlich die „Bild-Zeitung“. In Maintal stieß dem „Glückbringer“ die Sparwut der Stadt auf, wobei ihm nicht klar war, wie denn beim Weglassen der Weihnachtsbeleuchtung in drei Stadtteilen gleich 10000 Euro eingespart werden konnten. Entsprechend mokierte er sich über die Rechenkünste des Betriebshofs. Und schließlich hielt er nicht viel von dem Fest mit Künstlern, das Rohrbach auf den Mainwiesen plant: Da treffen doch zwei Welten aufeinander: Die einen dichten und die anderen sind dicht. Wie soll das funktionieren?“ Sein Fazit war klar und einleuchtend: Glück allein reicht nicht, man braucht auch Verstand.

Nach einem närrischen Feuerwerk von rund vier Stunden sorgte dann die „Hochstädter  Lärmbelustigung“ für das Grande Finale, das an Dynamik und grandioser Guggenmusik nicht sparte. Tambourmajor Johannes Matthias und seine dezibelstarke Truppe lief zu absoluter Hochform auf und rundete eine strake HMV-Sitzung ab, die von einer großen Zahl von Gästen noch lange in der Sektbar gefeiert wurde.

 Text von Lars-Erik Gerth --- Fotos von Kalle Meyer