Fastnachtssitzung 2015

Ein Flitzer-Blitzer und Imperator Bohrbach

 Geschliffene Wortbeiträge, wirbelnde Bâtons und raffinierte Kostüme zeichnen die HMV-Sitzung aus 

Text: Martina Faust (MTA) +++ Fotos: Kalle Meyer

Bestnote. Was sonst? Ein anderes Fazit wird sicherlich nicht unter dem Bericht des Mitarbeiters der „Stiftung Feiertest“ über die Fastnachtssitzung des Humor-Musik-Vereins „Edelweiß“ vom vergangenen Samstag stehen. Schließlich sorgte der Bajuware, in dessen Lederhose der beim HMV als Sprachtalent bekannte Johannes Matthias steckte, höchstpersönlich mit einer Mischung aus Wortbeitrag und Gesangseinlagen dafür, dass die Narren im Saal lautstark johlten, klatschten, pfiffen und begeistert mitsangen.

 Wirbelnde Bâtons, raffinierte Kostüme und geschliffene Vorträge zeichnen die Sitzungen des HMV aus. Das ist doch nichts Besonderes, mag mancher nun denken. Das ist es aber sehr wohl. Denn die kreativen Ideen kommen bei den Humoristen nicht aus dem Internet, sondern entstehen in deren Köpfen.

Das gilt für die selbst geschriebenen Vorträge ebenso wie für die Choreographien der Tänze, die Kostüme aus den Händen der fleißigen Nähfrauen oder die Kulissen. Und diese beachtliche Eigenleistung macht die hohe Qualität der Sitzungen aus.

 Um die Gäste im Saal in Begeisterung zu versetzen, braucht es beim HMV aber nicht einmal eine große Formation, noch eine fortgeschrittene Stunde. Es reicht, wenn ein Mann kurz nach 20 Uhr den Mittelgang entlang zur Bühne marschiert, Klaus Hahn heißt und „Heut ist Karneval im Bürgerhaus in Hochstadt“ singt. Der Titel ist ein absoluter Klassiker unter den Hochstädter Fastnachtsliedern und für HMV-Anhänger die beste Einstimmung auf das, was folgt – und das war diesmal eine Premiere.

Beim Jugendgruppenstück mit dem Titel „Am Flughafen“ standen einige der 16- bis 19-Jährigen das erste Mal mit einem gesprochenen Beitrag auf der Bühne. Da steht außer Frage, dass die Nervosität groß ist. Doch wenn der Texthänger so souverän gelöst wird, dass daraus schon wieder ein eigenständiger Witz entsteht, dann offenbart das Talent für die Bühne. Das bewiesen die Jugendlichen ebenfalls bei der Konzeption des Stücks über die Mallorca-Reise zweier aus dem „Kleeblatt“ ausgebüxter Rentner sowie bei der Umsetzung. Mit bis über die Waden gezogenen weißen Tennissocken, Bierbauch und bunten Hosenträgern karikierten sie das Klischee des Mallorca-Touristen vortrefflich. Ein kleines Missgeschick sollte jedenfalls nicht entmutigen, denn aller Anfang ist bekanntlich schwer. Und auch die „Aushängeschilder“ unter den Vortragenden haben sprichwörtlich klein angefangen. Doch heute ist eine HMV-Sitzung ohne Frank Walzer, Colin Stein und Johannes Matthias undenkbar. Auch in diesem Jahr waren die drei Aktiven Garanten für einen tosenden Saal und Gäste, die lautstark Zugaben einforderten.

 Als „Gestrandeter“ landete Protokoller Frank Walzer mit seinem Floß in Maintal und nahm mit Fernrohr und scharfer Zunge die Einheimischen mal näher unter die Lupe. Worüber jene, die das Maintaler Lokalgeschehen aufmerksam verfolgen, im Alltag fassungslos den Kopf schütteln, darüber lässt sich hemmungslos lachen, wenn Frank Walzer es in seinen Fastnachtsvorträgen aufs Korn nimmt. Ob die erneut aufgeflammte Diskussion über eine Sport- und Freizeitanlage in der „Grünen Mitte“, Bürgerbeteiligungsprojekte oder der beginnende Wahlkampf um den Chefsessel im Rathaus – Frank Walzer findet stets die richtigen Worte und vor allem die passenden Musiktitel. Für Bürgerhaushalt und Bürgergutachten gibt es für den singenden Protokoller nur einen inhaltlich stimmigen Refrain des Liedes „Im Wagen vor mir“ und der lautet: „Bla, bla, bla, bla, bla, bla, bla, bla, bla. . .“. Und auch der SPD-Bürgermeisterkandidat Sebastian Maier erhält einen personalisierten Chart-Klassiker.

Überhaupt mussten sich die Politiker, allen voran Bürgermeister Erhard Rohrbach, warm anziehen, denn sie hatten den HMV-Vortragenden so manche Steilvorlage geliefert. Und so kam auch „Der Blitzer“ Colin Stein auf seiner Fototour nicht an Maintals Stadtoberhaupt vorbei. . . In seiner Rolle als getürmter Blitzer vom Wachenbucher Ortseingang thematisierte Colin Stein internationale Ereignisse wie die umstrittenen WM-Vergabe an den Wüstenstaat Katar oder die Annektierung der Krim und zog dabei Parallelen zu Maintal. So ergaben sich plötzlich auffällige Ähnlichkeiten zwischen der Krim-Krise und dem Maintaler Stadtteildenken, was Stein darin gipfeln ließ, dass er verschiedene Überlegungen zur Abspaltung einzelner Stadtteile anstellte.

 Zum ersten Mal in der Reihe der Vortragenden zu erleben war Simone Wilhelm. Unter dem Titel „Denkste. . .“ bilanzierte sie ihre haarsträubenden Erfahrungen als Bauherrin während der Sanierung ihres Heims – spitzzüngig, authentisch, sympathisch und – angesichts eines Debüts – absolut routiniert. Denn auf der Bühne stand keine Büttenrednerin, sondern eine aufgebrachte Bauherrin. Wahrscheinlich hätte ihr eine Stunde Yoga mit den „Schakischakra“-Experten Pia Jost und Nina Reich sowie deren Guru Stefan Lohr gut getan. Gemeinsam wurde ein bisschen geschalalalalallt und mit der Übung „Der entschwindende Regenwurm“ abgespeckt. Wer jetzt den Eindruck hat, dass diese Yoga-Stunde unterhaltsam zu sein scheint, der kennt das Trio nicht in Aktion. Denn der Vortrag lebt von der herrlich übersteigerten Mimik und der ausladenden Gestik von Pia Jost.

 Ebenfalls zum festen Programm gehören seit einigen Jahren die „M&Ms“ – und damit sind nicht die Schokoladenlinsen gemeint. Die kämen der Half-Fat, Low-Fat und No-Fat-Fetischistin Monika Heiser nicht einmal in den Einkaufswagen – im Gegensatz zu ihrer Bekannten Monika Göpfert, die der laktosefreien Sojamilch einen deftigen Schwartemagen entgegensetzt und im Gegensatz zu ihrer Fitnesskurs-Kollegin nicht spart – weder an Kalorien, noch an bissigen Kommentaren zum Ernährungswahn.

 Für die Mitglieder des Männergruppenstücks sind solche Auseinandersetzungen zwischen Supermarkt-Regalen Banalitäten. Sie müssen als Star Wars-Elite die Welt retten – oder besser gesagt: Die Eis Anita aus Wachenbuchen befreit ET von der Diktatur des nach Ruhm und Reichtum strebenden Imperators Bohrbach, der im Jahr 3015 auf der Hartig Fracking betreibt. Klingt bizarr? Ist es auch. Wenn die Mitglieder des Männergruppenstücks zur Feder greifen, liefern sie jährlich eine herrlich schräge Parodie auf bekannte Figuren aus Film und Fernsehen. In diesem Jahr hat es die George Lucas-Gang getroffen, die es aber kaum besser hätte treffen können.

 Natürlich gehören nicht nur Wortbeiträge zu den tragenden Säulen einer HMV-Sitzung. Es ist die ausgewogene Mischung aus Tanzdarbietungen, Gesangseinlagen und Vorträgen, die für einen unterhaltsamen Abend und eine Fastnachtssitzung ganz im Sinne der närrischen Fangemeinde vom Jugendlichen bis zum Senior sorgt. So gehören zum abwechslungsreichen rund vierstündigen Programm auch die Auftritte verschiedener Tanzformationen wie den Majorettes, die sich in diesem Jahr dem Thema „Swing“ verschrieben haben und ihre Bâtons zu „Puttin on the Ritz“ und „Hit the road Jack“ wirbeln ließen. Nicht in der Zeit, sondern um die Welt reisten indessen die Maxi-Majorettes, die als geheimnisvolle Haremsdamen aus „1001 Nacht“ glänzten und ihren Stabtanz durch Showelemente ergänzten. Die „Golden Girls“ verwandelten sich indessen in knallig bunten Outfits in „Süßigkeiten für Erwachsene“, wie Sitzungspräsident Thorsten Heide augenzwinkernd anmerkte, und blieben mit Hits wie Lollipop“ oder „Candyman“ auch musikalisch im Thema.

Das antike Griechenland mit dem sagenumwobenen Orakel und den mythischen Musen hatte die Gruppe „Greenrhythm“ zu einer eindrucksvollen Choreographie in schillernden Gewändern inspiriert. Und auch bei den „No Limits“ hatten die Nähfrauen ihrer Phantasie und den Nähmaschinen freien Lauf gelassen und Kostüme gezaubert, die zu den absoluten Hinguckern des Abends gehörten. So glänzten die Tänzerinnen nicht nur mit ihrem phantasievollen Tanz "Nachts im Zoo", sondern auch mit faszinierenden Kostüme wie Pfau, Zebra, Löwe oder Flamingo.

 In die Rolle einer Frau – allerdings mit der Kraft von einem Dutzend Männern – schlüpfte diesmal das Männerballett, das übrigens – eine absolute Rarität – von einem Mann (Luis Cercas) trainiert wird. Er sorgte dafür, dass die vielen Pipi Langstrumpfs auf der Bühne tatsächlich nach einer Pfeife, genauer gesagt nach „Pipi Langstrumpf“ und „Scream“ tanzten.

 Und was wäre Karneval ohne die einschlägigen Stimmungslieder, die zum Schunkeln und Mitträllern einladen? Eben – undenkbar! Für diese unverzichtbaren Beiträge sorgen in den Reihen der Humoristen das „Clautrio“ mit Klaus Hahn, Claudia Ries und Angela Cercas (die in diesem Jahr Claudia Dimter vertritt) und natürlich die „Humorias“. Und wenn keine Stimme mehr durchdringen kann, dann läuten, trommeln und posaunen die Guggemusiker der „Hochstädter Lärmbelustigung“ lautstark das Finale ein. Getreu ihres Mottos „No Lärmer – No Party“ läuteten sie als schaurige Minotauren den zweiten Teil der Nacht ein: den Ausklang an der Sektbar.