Programm 2014:

Des war schon immer so!

 

Ein Schmerz-Mekka namens Maintal

Der Hochstädter „Mikrokosmos“ feiert sich zu seinem Zehnjährigen selbst und hält der Stadt den kabarettistischen Spiegel vor

Man muss den „Mikrokosmonauten“ einen Dank aussprechen. Dafür, dass sie ihrem Publikum den Unterschied zwischen Kabarett und Cabaret erklären und dafür, dass sie das gesellschaftliche und (lokal-)politische Geschehen gekonnt und in einer Weise auf die Schippe nehmen, wie es andere manchmal gern tun würden, aber nicht können. (Und sei es nur, weil der Platz in der „Spitzmaus“ nicht ausreicht.) So wurde die Premiere ihres aktuellen Programms am vergangenen Samstag, wie immer im evangelischen Gemeindehaus von Hochstadt, zu einer bunten und unterhaltsamen Reise durch den Mikrokosmos Maintal.

Seit zehn Jahren besteht der kleine „Mikrokosmos“ nun schon, und es werden sicherlich viele folgen. Denn ob mit bundesweiter Präsenz oder auf der lokalen Bühne: Kabarettisten gehen die Themen einfach nie aus. „Des war schon immer so“, würden die Hochstädter „Kosmonauten“ dazu sagen, daher ist der Name ihres aktuellen Programms treffend gewählt, weil quasi selbsterklärend. „Des werd aach immer so soi“ wäre dann eigentlich der logische Titel für das Programm 2015.

Und weil man bei vielem den Eindruck hat, dass es schon immer da war oder immer wiederzukehren scheint, darf sich so mancher Würdenträger eben nicht wundern, wenn es ein Papagei ist, der beim Pressegespräch (mit Gisela Jeske, Anika Waider und Wolf Heiser) die Fragen des Journalisten beantwortet. Wobei er genau genommen lediglich eines tut: Beim Wort „Sparen“ laut auszurufen, dass er eine Grundsteuererhöhung will . . .

Die ist ja bekanntlich nun beschlossen, sodass man sich kommenden Ereignissen der Lokalpolitik zuwenden kann. Etwa der Bürgermeisterwahl 2015. Frank Walzer spielt in der gleichnamigen Nummer nicht den Herausforderer, aber er hält den Maintaler Sozialdemokraten zugute, dass sie dieses Mal einen Einheimischen gefunden haben (nicht wie 2009, Sie erinnern sich bestimmt . . .).

Und dass es mit Sebastian Maier einer aus Dörnigheim wurde und kein Kaiser-licher Kandidat aus Wachenbuchen, sorgt in Hochstadt natürlich auch für Aufatmen. Aber Vorsicht: Die Ankündigung der SPD, nicht wie der Amtsinhaber um die Häuser zu ziehen, sondern direkt hinein, habe zu einem sprunghaften Absatz von Alarmanlagen in Maintal geführt.

Was Cabaret ist, wissen die Zuschauer spätestens seit vergangenem Samstag dank der anschaulichen Erläuterung in „Kabarett oder Cabaret“ (Isabella Isabella, Katja Welsch und Colin Stein). Aber auch, was Kabarett ausmacht, nämlich ernste Themen aufzugreifen, bei denen einem vielleicht manchmal sogar das Lachen sprichwörtlich im Hals stecken bleibt, gelingt den „Kosmonauten“. Etwa in „Gefängnisstrafen“ (Silvia Koffler und Stefan Lohr), wenn es um teils gravierende unterschiedliche Bestrafungen im internationalen Vergleich geht, in „Gläserner Kunde“ (Gisela Jeske und Johannes Matthias), wenn Datenschutz und Überwachung thematisiert werden, oder in „Crime Life“ (Pia Jost und Colin Stein), eine Nummer, in der die Hochstädter Kabarettisten das millionenfache Abhören von Telefonen der NSA zu einer Verkaufsidee werden lassen.

Gelungen auch die beißende Kritik an Billigklamotten in „Kleidung clever kaufen“, wenn sich Pia Jost und Silvia Koffler in ihrem gekonnt übertriebenen Spiel bei der Unterhaltung über ein Unglück in einer Näherei irgendwo in Asien, mit vielen Toten, eher Sorgen um ihren zukünftigen Bezug der günstigen Ausstattung machen.Hauptsache, das nächste Outfit passt (preislich) . . .

Die Unterbringung von Asylanten in Maintal zählt zu den eher heiklen Angelegenheiten, an denen man sich leicht die Finger verbrennen kann, wie man im Rathaus bereits weiß. Doch die „Mikrokosmonauten“ verstanden es, das Thema so pointiert auf die Spitze zu treiben, dass die „Win-win-Situation“ als eine der besten Nummern des Abends gelten kann. Denn Brigitte Rosanowitsch-Galinski hat als bekiffte Seniorin – das Cannabis verabreicht sich die Dame selbstverständlich nicht zum Vergnügen, sondern „wesche de Schmerze“ – eine bahnbrechende Idee. Nämlich jene Flüchtlinge aus Afghanistan, wo ein Großteil des schmerzlindernden Mittels auf pflanzlicher Basis her kommt, als Cannabis-Bauern hier in Maintal zu beschäftigen. Ein wahres Joint Venture eben. So sei allen Seiten geholfen, und Maintal werde zu einem wahren Schmerz-Mekka. Ungeahnte touristische Einnahmequellen locken, auch ein weiteres Stadtleitbild hält die benebelte Seniorin für denkbar: „Maintal kifft sich froh“.

Ob die Idee bei den Stadtoberen Gehör finden wird, man weiß es nicht. Aber prinzipiell ist man im Rathaus nach eigener Aussage Anregungen von außen gegenüber ja aufgeschlossen. Deshalb bleibt abzuwarten, ob die Hochstädter Humoristen sich und den anderen Bürgern der Stadt einen Gefallen getan haben, als sie die Eingebung hatten, eine „Domestiken-Steuer“ (Isabella Isabella und Gisela Jeske) zu erfinden. Diese neue Abgabe ist unter anderem abhängig davon, wer wie viel zuhause zu sagen hat, kann aber auf die Hundesteuer angerechnet werden! Sollte in der kommenden Stadtverordnetenversammlung eine ähnlich lautende Magistratsvorlage zu finden sein, wissen die Bürger nun, wem sie das zu verdanken hätten . . .

Nein, nicht alle Namen jener „Kosmonauten“ mit Bühnenauftritten im aktuellen Programm wurden an dieser Stelle genannt, was die Leistung der Betreffenden in keiner Weise schmälern soll. Aber schließlich soll nicht alles verraten werden. Denn diejenigen, die bei den Aufführungen am vergangenen Samstag und Sonntag dabei waren, kamen voll auf ihre Kosten, aber denjenigen, die das Glück hatten, eine Karte für die zwei „Mikrokosmos“-Abende am kommenden Wochenende zu ergattern, steht das erst noch bevor.

 Text: David Scheck (Maintal Tagesanzeiger) +++ Bilder: Kalle Meyer