Das Programm 2016:

Was waaß dann ich?"

 

Demokratie auf dem Schulhof

 Der „Mikrokosmos“ schaut wieder auf die Maintaler Befindlichkeiten und auf die der Welt

 

Warum in unserer Zeitung Ende Dezember immer ein Jahresrückblick erstellt wird, ist eigentlich rätselhaft. Denn ein Blick zurück auf das, was war, findet bereits im Oktober statt: Dann, wenn der „Mikrokosmos“ des Humor-Musik-Vereins (HMV) „Edelweiß“ zum Tanz bittet. Zum Tanz auf den Pointen, auf den Maintaler Befindlichkeiten und auf so mancher Politikernase.

Vorhersehbare Gags sind in der Regel nicht gut, eben weil sie vorhersehbar sind. Nicht aber beim „Mikrokosmos“. Denn ja, es war zu erwarten, dass Neubürgermeisterin und Kommunikationsstrategin Monika Böttcher sich etwas hätte anhören müssen (sofern sie da gewesen wäre, aber das holt sie ja vielleicht noch nach). Und ja, es ist urkomisch, weil treffend.

Maintal, die Stadt des Lächelns: Probleme oder unangenehme Fragen von Grundschulkindern bei einem Besuch der Rathauschefin werden von selbiger weggelächelt. Falls das nicht wirkt, wird auf den vollen Terminkalender verwiesen. 

Dass nun ausgerechnet die Meisterin der Transparenz und Kommunikation genau diese Eigenschaften vermissen lässt, tja, vielleicht ein Anfängerfehler. Aber die Hochstädter Kosmonauten gestehen Frau Böttcher eine äußerst großzügige Einarbeitungszeit zu: Die Bilanz nach 100Tagen wurde ja von den Medien erfunden, ein solches Fazit kann man auch nach 200, 300 oder . . ., na ja, eben ein paar Tagen mehr ziehen.

Und auch andere Maintaler Aufreger werden aufgegriffen, natürlich mit Spott, Ironie und Witz. Zum Beispiel wird die Frage gestellt, wie sinnig ein Ausbildungsplatz bei der Müllabfuhr denn sein kann (genau: Spahn, Ausschreibung). Braucht es das, um eine Tonne zu schieben?

Das viel zu kurze Leben der Mainkultur an Dörnigheims Ufern wird auf wunderbare Weise satirisch verwurstet. Wie? Mit Hawaii-Hemden, Blumenketten, Gitarre und Freddy Quinn. Am Ende wird klar: „Maintal bleibt gern unter sich.“

Wirklich beeindruckend ist, wie die Gruppe rund um den „Mikrokosmos“ von einer Szene zur nächsten umschalten kann, wenn es an ernstere Themen geht. Terroranschläge, Flüchtlinge, Bürger, die sich einen sogenannten kleinen Waffenschein zulegen, übrigens auch im Main-Kinzig-Kreis.

Es sind düstere Themen, dementsprechend etwas ernster erscheint einem das Gesamtprogramm von „Was waaß dann ich?": Vorgänge in unserer Republik, die beunruhigen, Menschen verängstigen. Das Spiel der Populisten mit der Angst sezieren die Kosmonauten mit aller Feinheit. „Stimmt“, und „so treffend“, möchte man vor sich hinmurmeln. Die Politik gleicht derzeit einem Schulhof, so das Fazit der Kabarettisten: Die Kraftmeier, die die kleinen Schwachen vermöbeln, darum stehend die schweigende Mehrheit. Die froh ist, nicht ins Visier der Kraftmeier geraten zu sein. „Es gibt zu viele von denen. Wir brauchen mehr davon und davon . . . Kommt bekannt vor, stimmt's?

Aber natürlich sind die Kosmonauten nicht nur Kabarettisten, sondern auch Fastnachter. Und deshalb wird da der eine oder andere Trend entweder humorvoll hinterfragt (zum Beispiel beim Pokémon-Fangen unter anderem in Wachenbuchen oder beim Opa, der – so viel vorweg: erfolglos – auf seine alten Tage zum Veganer umerzogen werden soll) oder auf die Spitze getrieben (zum Beispiel die sprechende Bifi, nein Byfy, die unangenehme Daten über Kalorienverbrauch, -zufuhr, -bedarf und Bewegungsmangel sammelt – und weitergibt!). 

Kritik sollte Kritik sein und keine Lobhudelei, doch allein, es hilft nichts. Wer sich ein Programm des „Mikrokosmos“ anschaut, kann eigentlich gar nicht enttäuscht werden. Klar gibt es unterschiedlich starke Szenen, doch keine Nummer fällt beim Publikum wirklich durch. Und wenn man dann noch bedenkt, dass wir hier von „Amateuren“ reden, bleibt nur die Erkenntnis, dass die Kosmonauten es beileibe nicht schlechter machen, als so mancher, der Kabarett im Hauptberuf betreibt. 

Und nun? Der November beginnt und der Jahresrückblick ist schon gelaufen. Das Gute ist: Auch im kommenden Jahr wird sich die Welt weiterdrehen und den Schreibern der Kosmonauten viel Stoff liefern. Und das noch Bessere ist: Auch Maintals Lokalgeschehen wird sicher wieder so manche Steilvorlage liefern. Welche? Ei, was waaß dann ich!

Text: David Scheck (Maintal Tagesanzeiger) +++ Fotos: Kalle Meyer